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Casas rurales

Leben auf dem Land

 

(© Kirsten Lux)

»Hach, wie schön wäre es, in einem solchen Haus zu wohnen«, denke ich oft, wenn ich auf der Landstraße Richtung Mazo fahre. Die Strecke ist gesäumt von prächtigen Landhäusern, Fincas und Herrenhäusern im Kolonialstil. Ich kann es mir wirklich gut vorstellen, hier zu wohnen.

Als ich meinem Freund Nacho von meinem Traum erzähle, schüttelt der aber nur den Kopf. »Pero chica, ¿qué quieres en el campo?« – »Also echt, Mädel, was willst du denn auf dem Land? Ist doch viel besser und praktischer, in der Stadt zu leben!«.

(© Kirsten Lux)

Nacho ist ein junger Kerl um die 30, mit seiner Meinung steht er nicht allein. Die meisten Spanier ziehen ein Leben in der Stadt dem Landleben entschieden vor. Während mich die ewig gleichen Neubausiedlungen, die überall aus dem Boden gestampft werden, eher abstoßen, erfüllt sich für viele junge Leute und Familien in Spanien bei der Schlüsselübergabe der Traum vom Wohnen, wenn sie so eine Neubauwohnung, am besten möglichst zentral gelegen, beziehen dürfen. Individualität ist in puncto Wohnen kein besonders hoher Wert.

Die Landflucht hat Tradition in Spanien. Früher sind die Leute vom Land in die Städte gezogen, auf der Suche nach Arbeit. Die meisten jungen Spanier haben heute mit einem ruhigen, naturverbundenen Leben auf dem Land überhaupt nichts am Hut. In der Stadt ist einfach mehr los, »más movimiento«. Mittlerweile stehen in Spanien allerdings rund 1.500.000 Wohnungen leer, weil völlig am Bedarf vorbei gebaut wurde. Zum Glück gibt es gute Projekte der Landwirtschaftsbehörden: Mithilfe von Subventionen wurden viele alte Bauernhäuser zu sogenannten casas rurales umgebaut, zu schönen Landhäusern, die besonders den Individualtouristen gefallen. Auf diese Weise wurden viele Häuser vor dem Verfall und ihre Besitzer vor dem Ruin gerettet.

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Cabras

Land der Ziegen

 

(© Lisa Graf-Riemann)

»La cabra siempre tira al monte« – Die Ziege zieht es immer auf den Berg! Dieses spanische Sprichwort kommt mir während meines Wanderurlaubs in Andalusien in den Sinn. In der Ferne entdecke ich eine scheckige Ziegenherde, die geschickt über das karge Gestein springt. Das Gebimmel der Glöckchen am Hals der Tiere hat etwas Heiteres, Leichtes.

Spanien ist eine wahre Ziegenhochburg: Von rund 12 Millionen Tieren in der EU leben 25 Prozent hier, Tendenz steigend. Die Ziegenzucht erlebt gerade ein Comeback, denn die Arbeitslosigkeit treibt viele Menschen aus den Großstädten zurück aufs entvölkerte Land, und einige versuchen sich dort als Ziegenhalter. Es könnte ein Beruf mit Zukunft werden, denn die verschiedenen Ziegenkäsesorten sind auf den Märkten sehr begehrt. Eine der besten wird auf Fuerteventura hergestellt, die Milch dafür liefert die Majorera-Ziege. Sie ist auch auf dem Logo der Insel abgebildet. Ein Fuerte-Aufkleber klebt auf fast jedem Auto auf der Insel und die Ziege ziert T-Shirts und andere Souvenirs.

Die cabras haben sich die diese Ehrenbezeichnung auch verdient. Fuerte, stark, intelligent und widerstandsfähig sind sie, anpassungsfähig und anspruchslos in puncto Futter- und Wasserqualität, und dabei liefern sie nicht nur Milch. Im Zweitjob sind sie Bio-Rasenmäher. Sie fressen trockene Büsche ab und verringern somit die Waldbrandgefahr. Dabei düngen sie gleichzeitig die Böden und sehen obendrein noch witziger aus als die Mähmaschinen. Wer also als caprichosa, als zickig, oder gar als cabrón, als Mistkerl – eigentlich Ziegenbock – betitelt wird, könnte sich eigentlich fast schon wieder freuen, oder?

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Compra el gordo

Wer holt den Dicken?

 

(© Lisa Graf-Riemann)

»Tres millones de euros«, singt Ana, das Mädchen mit dem dunkelblauen Blazer, grauen Faltenrock, dunkelblauen Kniestrümpfen und flachen Schuhen, das glatte, dunkle Haar zum Pferdeschwanz gebunden.

»Tres millones de euros«, singt sie, liest die Zahl von einer kleinen, in der Mitte durchbohrten Holzkugel ab, bringt sie an den Tisch der Aufsichtspersonen, zeigt jedem die Kugel und steckt sie schließlich auf einen von zwei vorbereiteten Metallspießen auf dem Tisch. Dasselbe macht ihr dunkelhäutiger Schulkamerad Brandon mit seiner Kugel. Auch er im blauen Blazer mit grauer Stoffhose, passend zur Uniform, die Ana trägt. »Treinta y dos mil, trescientos veintisiete«, singt er. 32.327 – das ist die eben gezogene fünfstellige Losnummer in der Gewinnklasse von 3 Millionen Euro. Die Kinder singen ihre Zahlen weiter, bis sie beide auf dem Zwillingsspieß gelandet, in die Fernsehkameras gedreht und abgefilmt worden sind. Dann werden die nächsten Kugeln aus den gläsernen Lostrommeln gezogen.

Die Ziehung der Weihnachtslotterie – el Sorteo de Navidad – am 22. Dezember ist in Spanien ein jährlich wiederkehrendes Großereignis, das keiner versäumt. Über 90 Prozent der Menschen kaufen selbst Lose oder bekommen welche geschenkt, und alle, alle fiebern sie vor dem Fernseher bei der Ziehung mit. Und es müssen jedes Jahr wieder die Kinder des Colegio de San Ildefonso, einer der ältesten Madrider Schulen, in ihren blaugrauen Schuluniformen sein, welche die gezogenen Nummern und Gewinne vorsingen. Für Gewinner schickt es sich, den niños de San Ildefonso einen Anteil abzugeben.

Die Ziehung aller Gewinnlose dauert etwa drei Stunden. So lange müssen alle durchhalten, singende Kinder wie mitfiebernde Losbesitzer. Denn wann der gordo, der dicke Hauptgewinn, gezogen wird, weiß keiner. Der gordo war 2011 mit vier Millionen Euro so schwer wie nie. Die Lose mit der Gewinnziffer wurden in einem kleinen Ort in Aragón gekauft. Wer ein décimo (Zehntellos) von dieser Losnummer besaß, bekam ein Weihnachtsgeld von 400.000 Euro überwiesen.

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Hojas de reclamaciones

Beschwerdeblätter

 

(© Kirsten Lux)

»Tenemos a disposicion de los clientes las hojas de reclamaciones« – »Den Gästen stehen Beschwerdeblätter zur Verfügung.«

Dieses Schild findet man, meist mehrsprachig, in jedem Geschäft und Restaurant sowie in allen Bars Spaniens. Meist ist es mit Reiszwecken an einen vergessenen Winkel gepinnt oder es geht neben zig weiteren Blättern und Notizen unter. Manche Geschäftsleute adeln dieses Blatt Papier aber auch mit einem schönen Rahmen und hängen es gut sichtbar für alle Kunden und Gäste auf. So unterschiedlich sie auch platziert sein mögen, die Hinweise auf die Beschwerdeblätter müssen in jedem Lokal aufgehängt und bei Bedarf ausgehändigt werden. Aber wer verlangt sie? Wann kommen sie zum Einsatz und wohin werden sie dann geschickt?

Eines ist sicher: Wer ein Beschwerdeblatt anfordert, der hat nicht nur einen lauwarmen Kaffee oder ein trockenes Hefegebäck bekommen. Denn solche Dinge regelt man auf freundschaftliche Weise mündlich. Die Gastronomie ist dennoch der Haupteinsatzort für die hojas. Wer seine patatas fritas (Pommes frites) in altem Frittierfett gebacken bekommt oder eine ensalada rusa (Salat mit Mayonnaise), die schon Beine bekommen hat, und das vielleicht nicht zum ersten Mal, der füllt ein Beschwerdeblatt in gut leserlicher Schrift aus, behält zwei Durchschläge (den weißen und den grünen) und reicht es dann beim consumo, der Dirección General de Consumo (spanische Verbraucherschutzbehörde), ein. Denn schließlich will der gewissenhafte Bürger auch seine Mitmenschen vor derartigen Pleiten bewahren. Es muss aber schon algo muy grave (etwas sehr Schwerwiegendes) geschehen sein, damit eine Anzeige fällig wird.

Oft müssen die Ladeninhaber sowieso erst in den Tiefen irgendwelcher Schubladen suchen, bis sie die Blätter überhaupt finden. Aber allein die Frage nach dem Beschwerdeblatt fördert manchmal die Bereitschaft zum Dialog ganz enorm.

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Medianoche

Mitternacht

 

(© Lisa Graf-Riemann)

Die Mitternacht ist in Spanien keine Geisterstunde, zu der die Straßen leergefegt sind und Ruhe eingekehrt ist. Zumindest nicht in den Städten und nicht an Freitagen und Samstagen.

Denn dann herrscht um Mitternacht ein Verkehr wie bei uns zur Rushhour. Es gibt Staus, hupende Taxis, die versuchen, sich zu ihren Kunden durchzukämpfen, U-Bahn-Stationen, in denen es wie im Ameisenhaufen zugeht. Die Lokale sind brechend voll, es wird gegessen bis Mitternacht, noch eine und noch eine Runde Tapas bestellt. Kino- und Theatervorstellungen enden kurz vor oder sogar erst nach Mitternacht. Die allermeisten Lokale kennen keine Sperrstunde. Im Gegenteil. Es werden Tische und Stühle in Passagen und auf Terrassen gestellt. Im Winter noch ein paar Heizstrahler dazu, und alles ist im Lot.

(© Lisa Graf-Riemann)

Freunde, Familien – in den Wochenendnächten sind sie alle draußen, als gäbe es ein geheimes Signal, das verkündet: Heute Abend ist Ausgang, ihr müsst aber auch wirklich alle kommen. So gehört es auch zum ganz normalen Bild, dass die Kinder mit dabeisitzen um Mitternacht und auch noch danach. Von Müdigkeit keine Spur. Oft führt der letzte nächtliche oder morgendliche Gang die Familienclans und Freundescliquen noch in eine chocolatería, wie hier auf dem Bild in das Madrider Traditionscafé San Ginés in der gleichnamigen Passage unterhalb der Plaza Mayor. Aufgenommen wurde das Foto gegen zwei Uhr, an einem Samstagmorgen im November. Bei einer Außentemperatur von gerade mal acht Grad plus. Medianoche heißt ja auch halbe Nacht. Die andere Hälfte kann man schließlich immer noch verschlafen.

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Cambio de guardia

Wachwechsel zu Pferd

 

(© Markus Claeßens)

Eine pompöse Inszenierung der Monarchie und ein touristisches Spektakel ist der wöchentliche Wachwechsel am Königspalast in Madrid. Immer mittwochs zwischen 11 und 14 Uhr, wechseln halbstündlich Teile der Infanterie und stündlich die berittenen Wachen in ihren blau-roten Paradeuniformen aus dem 19. Jahrhundert.

Richtig feierlich wird es einmal im Monat, jeweils am ersten Mittwoch, wenn um 12 Uhr mittags, high noon, 400 Wachen und 100 Pferde, begleitet von Pauken, Trompeten und Piccoloflöten zum Wachwechsel antreten, unter Hunderten von klickenden Digitalkameras der Schaulustigen. Der Madrider Palacio Real macht damit dem Londoner Buckingham Palace Konkurrenz. Dazu wurde der Wachwechsel ja auch wieder eingeführt. Erst seit 2007 gibt es den Cambio de guardia und den Revelo solemne de la Guardia Real, wie er offiziell heißt, den feierlichen Wechsel der Königlichen Wache.

Clevere haben sich schon frühzeitig die besten Plätze am Gitter vor dem Königspalast und auf den Stufen der Almudena-Kathedrale gesichert und erwarten die Uniformierten mit einer ähnlichen Spannung wie die Radrennfahrer bei der Vuelta a España. Im Gegensatz zu London, scheint in Madrid meistens die Sonne dazu und lässt die Tressen und Goldknöpfe an den Uniformen glänzen und den Stahl der Waffen blinken. Ein Anachronismus, eine Inszenierung. Sie findet ihren Abschluss in einem Standkonzert auf der gegenüber liegenden Plaza de Oriente.

Und dann gehen alle weiter, die Bustouristen zu ihren Bussen, die Teilnehmer an der Stadtführung zur nächsten Sehenswürdigkeit oder zum nächsten Spektakel. Die Individualtouristen, die mehr Zeit haben, schlendern durch den Park, wo sich ein Akkordeonspieler eingefunden hat und ein bisschen Pariser Flair verbreitet. Gleich nebenan bietet sich das Café de Oriente als stilvoller Ort der Erholung und Stärkung an. Seine historische Anmutung ist zwar ein Fake, tatsächlich wurde es erst in den 1980er-Jahren eingerichtet. Schön ist es trotzdem.

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Azúcar

Das arabische Erbe Spaniens

 

Was hat Zucker mit den Arabern zu tun? Aus dem Arabischen stammt das Wort (as-sukkar) und über Spanien kam es nach Europa. Fast 800 Jahre war Spanien von Arabern besetzt, nur eine kleine Enklave im Norden, im Kantabrischen Gebirge, blieb unbesetzt und von dort wurde die Reconquista, die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel betrieben. 1492 fiel Granada als letzte arabische Bastion, es war dasselbe Jahr, in dem Kolumbus Amerika entdeckte.

Der arabische Einfluss war zu der Zeit bereits tief in der Kultur und Lebensweise der Spanier verwurzelt, obwohl die Katholischen Könige und alle nachfolgenden Herrscher versuchten, dieses Erbe zu tilgen. Gott sei Dank ist das nie ganz gelungen, sonst könnten wir heute keine Alhambra mehr besuchen und keine Mezquita in Córdoba.

(© Kirsten Lux)

Im spanischen Wortschatz haben über 1.000 Lehnwörter aus dem Arabischen bis heute überlebt. Man erkennt sie am Anfangsbuchstaben a, der dem arabischen Artikel entspricht: aceite (Öl), aceituna (Olive), alcázar (Schloss), azahar (Orangenblüte), almohada (Kopfkissen) stammen aus dem Arabischen. Und natürlich das schöne ojalá (hoffentlich), in dem das Wort Allah steckt. Es bedeutet ursprünglich »so Gott will«.

Heute leben in Spanien wieder etwa 1,5 Millionen Moslems, die meisten von ihnen sind aus Marokko und anderen nordafrikanischen Ländern eingewandert. Es gibt wieder arabische Teehäuser (teterías), Geschäfte und Moscheen. Als 2010 moslemische Besucher allerdings versuchten, in der Mezquita von Córdoba, die im Mittelalter als Moschee erbaut und später als christliches Gotteshaus umgewidmet wurde, ein moslemisches Gebet zu sprechen, schritten die Wärter ein und eine Welle der Empörung ging durch die Presse im ganzen Land. Von Toleranz und Akzeptanz ist das heutige Zusammenleben von Christen und Moslems in Spanien bisweilen noch weit entfernt.

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Los cumplidos

Umgang mit Komplimenten

 

»Oh, das ist aber eine hübsche Bluse, die du anhast.« – »Ja, nicht wahr? Ich finde sie auch ganz toll.« Tapp!

»Also die Rede, die du eben gehalten hast, war wirklich beeindruckend.« – »Danke! Ich bin auch ganz überrascht, dass es so gut gelaufen ist.« Tapp, tapp! »Du siehst gut aus mit deiner neuen Frisur.« – »Oh, danke für die Blumen!« Und ein drittes Mal hineingetappt.

Es ist nicht so, dass Spanier unempfänglich für Komplimente wären oder sich nicht darüber freuten. Aber sie würden ein Kompliment nicht einfach annehmen und sich dafür bedanken. In Spanien geht das im Fall der Bluse etwa so: »Ach, die ist doch schon ziemlich alt. Trägt man die heute überhaupt noch? Und ich weiß gar nicht, ob die Farbe mir überhaupt steht ...« – »Doch, doch, die sieht toll aus.« – »Meinst du wirklich?«

Die Devise heißt: herunterspielen, kleinmachen, bescheiden sein. Das ist wie bei Köchinnen, deren Essen man lobt, die aber immer selbst ein Haar in der Suppe finden und besorgt nachfragen, ob die Pastete nicht doch zu wenig gewürzt oder das Fleisch nicht doch eine Spur zu trocken geraten sei. Man muss beim Lob immer noch eins drauflegen und beteuern, dass man es wirklich erst meint, bis es tatsächlich geglaubt und angenommen wird. Und so geht es nicht nur den Köchinnen. Komplimente einfach so anzunehmen, gilt fast als frech und unbescheiden.

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El burro català

Der katalanische Esel

 

(© sordmut/wikimedia)

Der katalanische Esel ist, so könnte man sagen, von Natur aus ein Feind des spanischen Stiers. Burro und toro sind starke nationalistische Symbole – auf jeden Fall aus der Sicht der Katalanen.

Der Stier ist für sie das Symbol für das zentralistische Spanien, der Esel sein katalanischer Gegenpol. Ein Zeichen für die Stärke und Selbstständigkeit Kataloniens. Catalunya hat einen weitreichenden politischen Autonomiestatus, wenn auch nicht die politische Unabhängigkeit, wie katalanische Nationalisten sie wünschen.

Die Auseinandersetzungen und Reibungspunkte sind vielfältig: Hier Madrid als Landeshauptstadt, dort die schärfste Konkurrentin Barcelona, die Hauptstadt Kataloniens, mit eigener Presse, eigenen Fernsehsendern, eigener Sprache und Kultur. Hier español oder castellano als Amtssprache für ganz Spanien, dort català als Regionalsprache und zweite Amtssprache, die von etwa 11,5 Millionen Menschen in Catalunya und auf den Balearen gesprochen wird. Hier die spanische Flagge – rot, gelb, rot, mit dem königlichen Wappen –, dort die katalanische Flagge mit den fünf gelben und sechs roten Streifen.

Nach der langen Zeit der Unterdrückung alles Katalanischen während der Franco-Diktatur (1939–1975) fordert nun der katalanische Esel den Stier heraus. Dass der Stierkampf in Katalonien mittlerweile verboten ist, mag da vielleicht mehr als eine Randnotiz sein.

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Servilletero

Der Serviettenspender

 

Servietten gehören in Spanien unbedingt auf jeden Tisch und jeden Tresen. Ein Café, eine Bar, eine barra (Theke) ohne servilletas ist in Spanien undenkbar.

Sie kommen aus einer Spenderbox. Traditionell ist das ein stabiler Metallkasten mit gutem Standvermögen und prall gefüllt mit Papierservietten, die sich mit einer gefalteten Seite zum Herausziehen anbieten. Weiß sind sie, aus dünnem Papier und oft mit Aufdruck des Lokals, das sie seinen Gästen zur Verfügung stellt.

Eigentlich denkt man, diese Boxen müssten ewig halten und von Generation zu Generation weitervererbt werden. Aber nein, überall wird gespart, am Papier, am Platz, am Material. Und so gibt es heute auch hässliche Boxen aus Plastik und außerdem solche aus Karton. Die sind klein, rutschig, leicht und billig. Und das Dumme daran ist, dass man dafür zwei Hände braucht: eine zum Festhalten der Box, eine zum Herausziehen der noch dünneren und kleineren Serviette. Und die Serviette selbst ist geschrumpft zu einem einzigen Blatt, ungefaltet. Wie schlechtes Klopapier. Aber Jammern hat auch keinen Sinn. Irgendwann gibt es sie bestimmt wieder, die guten alten Dinge. Auch den stabilen servilletero.

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Los Reyes Magos

Die Heiligen Drei Könige

 

Gestatten: Gaspar, Melchor, Baltasar. Wir sind die drei Weisen aus dem Morgenland. Und in Spanien stehen wir nicht stumm um den Stall von Bethlehem herum, sondern wir sind wichtig, uns lieben die Kinder, auf uns warten und hoffen sie.

Und damit wir dem Niño Jesús (Jesuskind) nicht die Schau stehlen am Tag seiner Geburt, dem Fest der Liebe und der Familie, kommen wir erst zwei Wochen später, am Vorabend des 6. Januar, nach Spanien.

Wir kommen in Schiffen übers Meer gefahren, denn der Landweg aus dem Orient ist doch sehr beschwerlich. Wir sind prächtig gekleidet, tragen farbige Umhänge, unser Haar und unsere Bärte sind lang, so wie es eben zu unserer Zeit üblich war. Wir tragen Kronen und unser Kollege, der Mohr, einen Turban. Unsere Pagen kümmern sich um die schwer beladenen Kamele. Denn wir sind es, die den spanischen Kindern die Geschenke bringen, die sie sich so sehr gewünscht haben.

Mit der Königspost sind die Briefe der Kinder in unserem Postamt angekommen und wurden alle, alle gelesen. Und da wir alles wissen, überblicken wir auch, wer wirklich brav war und wer ein bisschen gemogelt hat. Weil wir gute Könige sind, drücken wir aber auch bei den Moglern ein Auge zu. Erst streuen wir nur Bonbons aus, aber wenn die Kinder nach Hause gehen, sind unsere Päckchen ausgeliefert und die Freude ist groß. Die allerwenigsten finden ein Stück Kohle vor anstelle eines Geschenks. Ein Hinweis der Eltern, dass diese Kinder den Geduldsfaden ihrer Erziehungsberechtigten überdehnt haben. Nach einem Reuebekenntnis und dem ehrlichen Geloben von Besserung wird die Kohle aber meist doch noch ersetzt durch etwas Bunteres, Größeres, Rechteckiges mit Schleife.

Santa Claus? Papá Noel? Wer soll das bitte sein?

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El desayuno

Spanisches Frühstück

 

Über das spanische Frühstück wird viel gelästert. Natürlich darf man sich darunter keinen sich biegenden Tisch mit verschiedenen Brötchensorten, Marmeladen, Käse, Wurst, Eiern etc. vorstellen.

Das spanische desayuno ist anders, aber auch gut, wie ich finde. Der Kaffee schmeckt zum Beispiel auf jeden Fall köstlich und als besonderen Luxus gibt es meist zumo natural de naranja (frisch gepressten Orangensaft) dazu. Zu essen gibt es eine tostada, eine Scheibe gebutterten Toast mit einem Töpfchen Marmelade. In Andalusien kann man statt Butter auch Olivenöl auf den Toast träufeln, das grüne Fläschchen steht einladend auf dem Tisch.

Und wer jetzt über die Kargheit dieses Frühstücks lästert, dem sei gesagt, dass es sich dabei lediglich um das erste Frühstück handelt. Es gibt auch noch ein zweites, wofür die Angestellten und die Schulkinder zwischen 10 und 12 Uhr für eine halbe Stunde frei bekommen. Dann darf es gern ein bocadillo (belegtes Brötchen) sein, dazu ein Glas Saft oder ein Erfrischungsgetränk. Denn bis zum Mittagessen gegen 14 Uhr ist es noch weit.

An den Wochenenden wird schon auch geschlemmt, weniger in die salzige als in die süße Richtung. Eine Tasse Schokolade und ein halbes Dutzend churros (frittierte Schmalzkringel), und man brächte beim besten Willen kein Frühstücksei mehr hinunter.

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Das Buch

Spanien 151

Das sagen die Medien

»Lisa Graf-Riemann erzählt auf höchst unterhaltsame Weise Anekdoten, Beobachtungen und Erlebnisse, welche Spanien in seinen unzähligen und vielfarbigen Facetten nahebringen. Ein schönes Buch, kenntnisreich geschrieben und reichhaltig bebildert.« (Ralph Schulze, SPANIEN LIVE, September 2012)

»Nach der Lektüre ist man ohne Frage schlauer als vorher und wer sich für Kultur, Land und Leute in Spanien interessiert, sollte sich dieses Buch auf den Nachttisch legen (lassen).« (Judith Hoppe, Reise-Inspirationen, März 2013)

Informationen zum Buch

Spanien – in diesem Land der Regionen, das aus 17 autonomen Gemeinschaften besteht, blasen schon längst nicht mehr alle ins selbe Horn. Der griechische Geograf Strabon nannte Spanien wegen seiner Form »Haut des Stiers«. Und dort finden sie alle Platz: der grüne, regenreiche Norden, die weite kastilische Hochebene, die heiße, trockene Levante und das immer noch arabisch anmutende Andalusien mit seinen weißen Dörfern und feurigen Rhythmen.

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Autorin Lisa Graf-Riemann

Lisa Graf-Riemann wurde in Passau geboren. Sie studierte Romanistik und Völkerkunde an der LMU München, in Murcia (Südspanien) und Coimbra (Portugal). Als feste freie Redakteurin war sie bei Kindlers Neuem Literaturlexikon und als Autorin und Redakteurin von Lehrwerken und Lernmaterialien für große Schulbuchverlage tätig. Sie spricht fünf Fremdsprachen und kennt sich auf der Iberischen Halbinsel bestens aus. Ihr Traumkontinent ist Südamerika. Heute lebt sie in den Berchtesgadener Alpen und frönt dort ausgiebig ihrer Berg-Leidenschaft, wenn sie nicht gerade Bücher schreibt oder auf Reisen ist.

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