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Deutsches Dorf

Gartenzwerge in Korea

 

(© Dennis Kubek)

Eine Schar koreanischer Touristen kraxelt keuchend einen Hang hoch. Sie sind gekommen, um sich ein deutsches Wohngebiet in Korea anzuschauen. Ein Schild mit dem Hinweis »Betreten verboten« empfängt sie am Eingang eines sauberen deutschen Vorgartens. »Juhu, die Mühe hat sich gelohnt!«

Die spießige deutsche Siedlung bietet mit ihren roten Ziegeldächern und der malerischen Bucht im Hintergrund eine schöne Aussicht für Touristen und Anwohner. Letztere würden die ländliche Stille gerne alleine genießen. Doch viele Koreaner kommen gerne den weiten Weg für Gartenzwerge, Bier und Bratwurst hierher. Das Oktoberfest des Dorfes erfreut sich besonderer Beliebtheit. Vielleicht hatten sich die deutsch-koreanischen Rentner, die hier wohnen, das Ganze etwas anders vorgestellt. Ursprünglich wurde das Deutsche Dorf von koreanischen Kommunalpolitikern ins Leben gerufen, um die von Landflucht betroffene Region wiederzubeleben.

In den 1960er- und 70er-Jahren kamen viele koreanische Krankenschwestern und Bergarbeiter nach Deutschland und heirateten dort. Doch das permanente Heimweh ließ sie nicht los. Schließlich fanden die ehemaligen Gastarbeiter mit ihren deutschen Ehepartnern auf der Insel Namhae-do eine neue Heimat.

Die in Deutschland lebende koreanische Regisseurin Cho Sunghyung hat 2009 einen amüsant-melancholischen Film über die entwurzelten Bewohner des Deutschen Dorfes gemacht. Hierin wird auch deutlich, warum man keine Touristen im Vorgarten duldet.

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Haenyeo

Taucherinnen

 

(© Dennis Kubek)

Die berühmten Taucherinnen namens Haenyeo sind ganz gewiss keine typisch koreanischen Frauen. Sie sind sehr emanzipiert, selbstbewusst und nicht auf den Mund gefallen.

Hunger und Armut trieb vor einigen Jahrzehnten tausende Frauen dazu, in der See nach Meeresfrüchten zu tauchen. Heute sind nur noch wenige Hundert übrig. Für ungefähr 300 Euro im Monat riskieren die Taucherinnen jede Saison aufs Neue ihr Leben. Scherzhaft wird bei der Arbeit oft über den eigenen Tod gesprochen, denn viele sind bereits im Rentenalter. In bis zu 20 Metern Tiefe suchen die betagten Frauen den Meeresboden nach Seeohren ab. Diese verkaufen sie anschließend an japanische Edelrestaurants.

Ihre Tauchgänge machen die Haenyeo vom Wetter abhängig. Der Mondkalender und Aberglaube spielen dabei eine ausgesprochen wichtige Rolle. Auch im Winter schlüpfen sie in ihre Neoprenanzüge und fahren gemeinsam hinaus aufs Meer. Durch jahrzehntelanges Tauchen ohne Sauerstoffgerät verfügen die Haenyeo über ein vergrößertes Lungenvolumen. So können manche 2–3 Minuten unter Wasser bleiben. Beim Auftauchen geben sie dann eigenartige Pfeiftöne von sich. Diese Atemtechnik wirkt dem Effekt des schnellen Auftauchens entgegen.

Die Frauen werden oft gefragt, warum nur sie, nicht aber ihre Männer tauchen gehen würden. »Weil man als Alkoholiker einfach nicht tauchen kann«, ist ihre flapsige Antwort. Und obwohl es oft Streit unter ihnen gibt, sind die Haenyeo eine schwesterliche Gemeinschaft. Niemals tauchen sie alleine, denn wer bei der Arbeit ohnmächtig wird, dem muss schnell geholfen werden. Vor einiger Zeit ist eine von ihnen in der Brandung verschollen. Nach einer vergeblichen Suchaktion musste sie für tot erklärt werden. Mehrere Tage hielten die Taucherinnen eine schamanistische Trauerzeremonie ab, bis sie sich selbst wieder in die Wellen wagten. Eine der ältesten unter ihnen ist die 83-jährige Frau Heo. Sie durfte als Mädchen nicht zur Schule gehen, und so blieb ihr nur die Arbeit im Meer. Ihre eigenen Kinder versuchen ständig, sie vom Tauchen abzuhalten. Doch vergeblich. Frau Hoe vermutet, dass sie wie ihre verunglückte Schwester eines Tages nicht wieder aus den Wellen zurückkehren wird.

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Hongdae

Absolut Kult

 

Eine Hip-Hop Crew zeigt auf dem Noliteo in Hongdae, was sie draufhat. Vor dieser perfekten Kulisse kann bei der Performance eigentlich nichts schiefgehen. (© Dennis Kubek)

Das Herz der koreanischen Pop- und Indie-Kultur ist ohne Zweifel Hongdae in Seoul. Den Namen hat das Szene-Viertel von der Hongik-Universität für Bildende Kunst. Anfangs zog es wegen der nahegelegen Uni und der günstigen Mieten viele Musiker und Künstler hierher.

Heute ist Hongdae eine Partymeile mit vielen Bars, Clubs und Openair-Events. Auf dem Indie Band Festival lauschen Koreaner echten Underground-Bands, und auch der Live Club Day kommt mit Rock, Electro, Jazz und Hip-Hop fast ganz ohne K-Pop aus. Eindrucksvolle Kunstgalerien, inspirierende Designläden und Hongdaes berühmte Street-Art machen den individuellen Charme des Viertels aus. Trends wie BBQ-Restaurants mit Campingeinrichtung oder gemeinsames Puppenanmalen kommen und gehen, der Noliteo hingegen bleibt. Das ist der Spitzname des Hongik-Kinderparks, auf dem nachts Koreaner das Tanzbein schwingen oder sich über kostenlose Konzerte freuen. Samstags verkaufen hier Künstler während des Free-Markets ihre Werke.

Da Hongdae auch wegen seiner exklusiven Shops und Modegeschäfte beliebt ist, kommt das Viertel eigentlich nie zur Ruhe.

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Korea wird älter

Geistergrundschulen

 

(© Dennis Kubek)

Die schönste Nebensache der Welt bleibt so fruchtlos wie die Versuche der Politik, wieder für Fortpflanzung zu sorgen. Wenn es so weitergeht, rollt bald Gras über Koreas Straßen, das aus Westernfilmen bekannt ist.

Verglichen mit europäischen Ländern ist die Bevölkerung im Schnitt etwas jünger. Doch durch die gestiegene Lebenserwartung und den Geburtenrückgang wird Korea immer älter. Das Land hat nach Hongkong und Macao die niedrigste Geburtenrate der Welt. Von 2013 bis 2015 hat die Regierung mit Investitionen in Höhe von unglaublichen 8 Milliarden Euro versucht, dem Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken. Dass die bisherigen Programme als gescheitert angesehen werden müssen, wird besonders im ländlichen Bereich deutlich. Hier herrscht eine gespenstische Atmosphäre. Grundschulen liegen brach und verkommen. Die Spielplätze sind überwuchert.

Eine Schule in Gochang-gun konnte ihre endgültige Schließung durch eine eigenwillige Idee verhindern. In die erste Klasse steckte man drei junge Schüler zusammen mit zwei älteren Migranten und vier Großmüttern, die in ihrer Kindheit nicht zur Schule gehen konnten. Wie die 9 Grundschüler ihre Pausen zusammen auf dem Hof verbringen, ist allerdings nicht bekannt.

Einzige Hoffnung bleiben die unzähligen Reality-Shows, die plötzlich im koreanischen Fernsehen auf beinahe jedem Sender zu sehen sind. Witzige Kinder und glückliche Familien zeigen den Zuschauern, was sie ohne Fortpflanzung verpassen würden. Könnte es sein, dass sich ein Teil der 8 Milliarden staatlicher Förderung in die TV-Anstalten verirrt hat?

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Nunchi

Die Fettnäpfchen-Fabrik

 

(© Bielle Kim)

Für nunchi gibt es leider keine direkte Übersetzung ins Deutsche. Dass es gleichzeitig die Quelle vieler Missverständnisse zwischen Koreanern und Ausländern ist, macht die Sache nicht einfacher. Schuld ist mal wieder Konfuzius.

Das konfuzianische Gibun beschreibt ein emotionales und soziales Gleichgewicht, das bei zwischenmenschlichen Beziehungen nicht erschüttert werden darf. Die Befindlichkeit der Person gegenüber wird als sehr wichtig erachtet. Durch die Beachtung von traditionellen Höflichkeitsformen zeigen sich Koreaner ihren Respekt füreinander. Dazu gehören Verbeugungen, korrekte Sprache und eine bestimmte Gestik, die insbesondere beim Essen zur Geltung kommt. Beim Einschenken von Getränken und Überreichen von Geschenken zum Beispiel ist es wichtig, entweder beide Hände zu benutzen oder mit der zweiten Hand die erste zu unterstützen

Um die soziale Harmonie aufrechtzuhalten, nutzen Koreaner Nunchi, die Umsicht und Kunst, seinen Mitmenschen richtig einzuschätzen. In Familien und am Arbeitsplatz hat Nunchi eine substanzielle Bedeutung. Denn der gebotene Einklang wird nur mit dem richtigen Augenmaß für das Miteinander erreicht.

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Jahreszeiten

Welche ist die Schönste im ganzen Land?

 

(© Dennis Kubek)

Sibirische Winde, giftiger Staub, Starkregen und manchmal auch Taifune. Die Jahreszeiten in Korea können sehr extrem sein. Das klingt zunächst abschreckend, doch erstaunlicherweise machen die meteorologischen Gegebenheiten auf der koreanischen Halbinsel das Wetter sehr berechenbar. So berechenbar, dass früher die Bauern das Jahr in 24 Jahreszeiten einteilten.

Im Winter sorgen sibirische Winde für ein kaltes und trockenes Klima in Korea. Dabei wechseln sich Schneefall und Sonnenschein in regelmäßigen Abständen ab. Weniger Spaß macht der Frühling, wenn der »Yellow Dust« aus den Wüsten Chinas und der Mongolei seinen Weg nach Korea findet. Durch enorme Umweltverschmutzungen enthalten diese Staubwolken viele gesundheitsgefährdende Partikel wie Schwermetalle und Pestizide. Glücklicherweise beschränkt sich die Yellow-Dust-Saison auf nur wenige Tage.

Von Juni bis Juli bringt der Monsun starke Niederschläge und sorgt für ein heiß-feuchtes Wetter. Pünktlich zum Hochsommer hin wird die Luft dann trockener, doch es bleibt heiß. Bis Ende September auf dem Berg Seoraksan endlich die Laubfärbung beginnt. Dann startet in vielen Nationalparks die wichtigste Saison: Der Herbst mit seinem blauen Himmel und einer schier endlosen Farbvielfalt beweist jedes Jahr aufs Neue, dass er eindeutig die schönste Jahreszeit in Korea ist.

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Barbecue

Feuer und Flamme für Fleisch

 

(© Bielle Kim)

Koreaner mögen es heiß. Nicht nur in der Sauna, sondern auch auf dem Teller. Viele Speisen müssen so heiß wie möglich gegessen werden. Das geht nur, wenn direkt auf dem Tisch gegrillt und gebraten werden kann.

Eine koreanische Großfamilie hat sich in einem bescheiden bis unansprechend eingerichteten Barbecue-Restaurant eingefunden. Beinahe hastig nimmt sie an einem runden Tisch Platz, in dessen Mitte ein Gasgrill eingelassen ist. Die beiden erwachsenen Töchter kichern, als ein schüchterner junger Mann Tafelwasser und mehrere Schälchen mit Beilagen an den Tisch bringt. Der Grill ist mittlerweile heiß genug und der junge Mann schneidet das Samgyeopsal mit demonstrativer Gelassenheit in kleinere Stücke. Mit einer Zange platziert er anschließend das fettreiche Fleisch vom Schweinebauch auf dem Grillrost.

Als die ersten Stücke endlich gar sind, fällt die Familie über sie her. Mit Essstäbchen werden die immer noch recht großen Brocken in eine leckere Sauce gedippt und in ein Salatblatt gewickelt in den Mund geschoben. Dazu gibt es noch jede Menge gesundes Gemüse. Am Ende der Schmauserei bleibt nichts von dem teuren Wildschwein übrig. Zufrieden verlassen die Gäste den Tisch, um schon der nächsten Familie Platz zu machen. Zufällig hat auch diese zwei fleischhungrige Töchter mitgebracht.

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Traditionelle Hochzeit

Bunte Zeremonien mit Holzenten

 

(© Geun-pil Kim)

Paare können sich grundsätzlich zwischen der christlichen Traumhochzeit in Weiß mit ganz viel Glamour und der traditionellen Hochzeit mit seltsamen Holzenten entscheiden. Bei letzterer ist oft einer der Beteiligten kein Koreaner. Die traditionelle Hochzeit dauert nur wenige Stunden, wird unter freien Himmel gefeiert und ist mit ihrer fremdartigen Zeremonie eine einmalige Erfahrung.

Eine Hochzeit war lange Zeit eher eine Vereinigung zweier Familien als die zweier Menschen. Sie wurde als die letzte Verpflichtung der Eltern ihren Kindern gegenüber angesehen. Auch heute noch spielt das eine große Rolle in der koreanischen Heiratskultur. Nach einer komplizierten Regelung teilen sich die Parteien beispielsweise die Folgekosten der Hochzeit. Den Kauf einer Wohnung übernimmt die Seite des Bräutigams und den Aufwand für die Einrichtung die der Braut.

Die meisten Hochzeiten finden in speziell dafür eingerichteten Heiratszentren, »Wedding Halls« genannt, statt. Wobei sich die eigentliche Hochzeitszeremonie draußen abspielt. Sie gleicht einem Theaterstück von einem anderen Stern. In einem von Helfern getragenen Wagen fährt zunächst der Bräutigam zur Familie der Braut und bittet mit einer bunten Holzente um die Hand der Tochter. Das hölzerne Gefieder soll eine glückliche Zukunft symbolisieren. Es ist Teil einer unglaublich komplizierten und symbolträchtigen Zeremonie. Vielen Brautpaaren fällt es schwer, sich all die Abläufe zu merken. Daher zupfen nervöse Helfer an ihnen herum, sollten sie einmal eine der unzähligen Verbeugungen vergessen.

Nachdem der anwesende Priester seinen Segen ausgesprochen hat, geht plötzlich alles ganz schnell. Freunde und Verwandte des frischgebackenen Ehepaares laufen im Eilschritt in die Wedding Hall. Zügig geben sie ihre Umschläge mit Geldgeschenken ab. Ein Familienmitglied zählt die Beträge der druckfrischen Scheine und notiert sie in einem Heft. Schließlich wird in der Verwandtschaft auch geheiratet, und dann möchte man nicht zu viel oder zu wenig schenken. Während sich das Ehepaar noch fleißig für die Großzügigkeiten bedankt, wird im Festsaal bereits geschlemmt. Ganz nach der koreanischen Bballi-Bballi-Mentalität verlassen die meisten Gäste direkt nach dem Dessert die Hochzeit. Auch die Eheleute sind jetzt mit ihren Koffern auf dem Weg zum Taxi, das sie zum Flughafen fährt. Endlich Flitterwochen!

Zurück bleiben nur die Eltern, die alles organisiert haben. Doch auch sie werden bald von den Angestellten der Wedding Hall aus dem Saal gekehrt. Die nächsten Kandidaten sind bereits auf dem Weg hierher.

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24

Der schwarze Tag

Trauertag der Singles

 

(© Dennis Kubek)

Es ist doch keine Schande, Single zu sein! Deswegen widmen wir uns nun weder dem Valentinstag, White Day, Photo Day, Bbaebbaero Day noch irgendeinem anderen der zahlreichen Pärchenfeste. Sondern dem Black Day, dem inoffiziellen Feiertag der Singles in Korea.

Koreanern scheint der 14. Februar als einziger romantischer Feiertag einfach nicht zu genügen. Deshalb wird einfach an jedem 14. Tag eines Monats eine Art Valentinstag gefeiert, an dem Paare sich etwas schenken müssen. Hinter diesem Marketing-Trick steckt eine ganze Industrie, die darum bemüht ist, sich immer wieder neue Trends und Pärchenfeste auszudenken. In den letzten zehn Jahren sind immer mehr hinzugekommen. Da diese Tage von der Kundschaft gerne angenommen werden, wird das Jahr wahrscheinlich eines Tages nur noch aus kommerziellen Feiertagen bestehen.

Seit der Erfindung des Black Days haben auch einsame Herzen endlich etwas zu feiern. Wobei »feiern« vielleicht das falsche Wort ist. Am 14. April trauern Singles nämlich, mehr oder weniger ernsthaft, über das Nichtvorhandensein einer intimen Beziehung.

Zusammen mit Bielle teste ich, wie es sich anfühlt, in Trauer zu sein. »Zuerst müssen wir etwas Schwarzes anziehen«, meint Bielle. »Das sollte kein Problem für dich sein, denn bei dir hängt sowieso nicht viel Buntes im Schrank.«

»Okay, was noch?«

»Dann bestellen wir Jjajangmyeon, Nudeln mit schwarzer Sauce.«

Gesagt, getan. Die Lieferung kommt in weniger als 10 Minuten. Wir setzen uns auf den Boden und breiten eine Zeitung unter den Nudeln aus. »Eigentlich essen wir die Nudeln auf diese Art nur an einem Umzugstag, aber ich finde, dass passt ganz gut zur Melancholie des Black Days«, meint Bielle. Eine richtige Trauerstimmung will sich dennoch nicht einstellen. Dazu schmecken die Jjajangmyeon einfach zu gut. So gut, dass wir uns fragen, warum wir nicht öfter den Black Day feiern.

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Discobus

Kaffeefahrt mit Discokugel

 

(© Dennis Kubek)

In den Bergen herrscht friedliche Stille, wie man sie in Koreas Städten niemals erfährt. Von einer hochgelegenen Landstraße aus schweift der Blick über Bergkämme hinab in ein Tal. Doch plötzlich donnert ein wippender Bus über den Asphalt. Aus seinem Inneren dröhnen Electrobässe, ein Effektlichtgewitter und wildes Gekreische. Platz da, hier kommt der Discobus!

Wohin der Bus fährt, ist eigentlich egal. Vielleicht geht es an den Strand. Oder in die Berge zum Wandern. Das spielt für die Fahrgäste keine Rolle, solange genug Alkohol und Spaß an Bord sind.

Die rebellischen älteren Herrschaften haben sich die Party im gemieteten Discobus redlich verdient. Ihr Leben lang haben sie hart für ihre Kinder gearbeitet. Doch jetzt wird auf die Tube gedrückt! Wer witzig ist, trägt ein Stirnband aus dem Klopapier der Bordtoilette.

Vorne im Bus zappelt ein nervöser MC, der die Meute zum Tanzen im Bus auffordert. Er schaltet die Discokugel ein und dreht die Anlage weiter auf. »Wer kommt rüber und singt mit?!«, ruft er ins Mikrophon. Der Busfahrer rollt die Augen. Doch nach ein paar Sekunden nickt er selbst mit dem Kopf zum Takt des Schlagers.

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Westerntown

Das Äquivalent zu Chinatown

 

(© Dennis Kubek)

Jugendliche gehen in den Grand Park
Senioren gehen in das Pflegeheim
Wir gehen nach Itaewon
(Itaewon Freedom von UV)

Das durchgeknallte Musikvideo des Comedy-Duos UV porträtiert den Kult um den Seouler Distrikt Itaewon. Im trashigen 1980er-Stil werden alle Klischees des Viertels bedient. Dabei ist Itaewon vielleicht das einzig echte Multikultiviertel in Korea. Geprägt wurde es durch die ständige Militärpräsenz der Japaner und US-Amerikaner. Der Rotlichtbezirk Hooker Hill wird damals wie heute von Soldaten bevölkert. Koreanern empfahl die Stadt, sich von dem Distrikt fernzuhalten, galt er doch als Herd von Kriminalität und Prostitution. Aber Homosexuelle und Muslime genossen die Freiheiten, die sie sonst nirgendwo in Korea hätten ausleben können.

In den 1990er-Jahren fanden auch Koreaner Gefallen an der vielschichtigen Musikszene Itaewons, und mit der Zeit wurde das schäbige Viertel immer angesagter. Nach dem Bau der Itaewon Station ließen Investoren nicht lange auf sich warten. Nun unterscheiden sich die Straßen des Viertels kaum noch vom Rest der Stadt. Koreaner sowie Ausländer beklagen sich, dass Itaewon seinen Charme verloren habe. Das Viertel, das geografisch in der Mitte von Seoul liegt, sei viel zu sehr »koreanisiert« worden.

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Maskentanz

Lüsterne Mönche und dekadente Herrscher

 

(© Dennis Kubek)

Eine einzige Live-Vorstellung des koreanischen Maskentanzes Talchum reicht aus, um seiner Magie zu verfallen. Betörende Musik untermalt das beeindruckende Körpertheater der Darsteller und die kraftvollen Farben ihrer Masken ziehen die volle Aufmerksamkeit des Publikums auf sich.

Weil das Drama so körperbetont und von vielen Gestiken und Klamaukeinlagen durchsetzt ist, kommt es beinahe ohne Sprache aus. Dennoch wechseln sich Tanz, Slapstick und Dialog im koreanischen Maskentanz ab. Und obwohl dieser sowohl tragisch als auch komisch sein kann, steht doch der Humor im Vordergrund.

Ein wichtiger Unterschied zum westlichen Theater sind die Rollen, die die Darsteller verkörpern. Sie stellen keine Individuen wie z. B. Romeo oder Julia dar, sondern Stereotype, die Teile der Gesellschaft repräsentieren. Ein typisches Thema ist ein Mönch, der zwar eine moralische Instanz ist, sich aber lüstern gibt und einer jungen Frau nachstellt. Auch Tiercharaktere und übernatürliche Wesen können Teil einer Aufführung sein. Der traditionelle Maskentanz bedient die Frustration des einfachen Volkes, das sich immer wieder den strengen Gesellschaftsregeln der Herrschenden ausgesetzt sah. Weil es möglich war, Kritik und Satire in die Darstellungen einzustreuen, hatte das Theater einen starken kathartischen Effekt.

Heute wird der Maskentanz noch immer aufgeführt, und ein beliebter Höhepunkt ist die Interaktion mit dem Publikum. Vorzugsweise wird ein Ausländer zum Tanz animiert, damit er sich auf der Bühne schön blamieren kann.

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Das Buch

Korea 151

Das sagen die Medien

»Ein etwas anderer Reiseführer durch Korea mit vielen popkulturellen Häppchen« (Anna Burghardt, Die Presse)

»Das Buch blickt immer wieder hinter die oft spirituell oder politisch fundierten Kulissen von Trends und Hypes.« (sg., Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Informationen zum Buch

Korea – ein Land, in dem die Morgenstille der hektischen Bballi-Bballi-Mentalität gegenübersteht. In dem sich auf dem Land und in den Mega-Metropolen idyllische Szenerien auftun, durchzogen von Bergen, Reisfeldern und Reihen riesiger Apartmenthäuser. Ein fortschrittlicher Industriestaat, in dem noch Wahrsager die Zukunft weisen und Schamaninnen Geister austreiben. Wo Hightech und Konfuzianismus zusammentreffen und trotz den Reizen der Moderne alte Bräuche gepflegt werden.

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Autoren Dennis Kubek und Bielle Kim

Dennis Kubeks Vorliebe für den asiatischen Kontinent liegt in seiner Kindheit begründet: Seine Helden waren die Akteure von unzähligen ostasiatischen Filmen. Während seines Studiums war das Fernweh schließlich auf ein so unerträgliches Maß angewachsen, dass er sich endlich selbst in Kung-Fu-Pose zwischen Pagoden und Reisfeldern wiederfand. Wann immer es sich seitdem einrichten lässt, taucht der freischaffende Regisseur und Mediendesigner in die faszinierenden Kulturen Asiens ein.

> Weitere Informationen auf der CONBOOK Verlagsseite

Bielle Kim ist in Seoul geboren und aufgewachsen. Nach ihrem Innenarchitektur-Studium packte sie das Reisefieber, das sie fortan nicht mehr loslassen sollte. Die Streifzüge der neugierigen Weltenbummlerin führten sie von Asien über Australien nach Nordamerika, um anschließend in Europa eine neue Heimat zu finden. Seit 2011 lebt und arbeitet die Designerin und Marketing-Spezialistin nun in Deutschland.

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